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21 May 2010

Zeitgeschichte, 2066
News Report, 2066: Die Menschheit muss sich eingestehen, dass die befürchtete weltweite Klimakatastrophe nicht mehr abzuwenden ist. Die Weltbevölkerung muss nun die Folgen tragen, die der Raubbau an der Natur durch frühere Generationen verursachte.
Die sibirische Tundra, Jahrhunderte unter Permafrost versiegelt, beginnt aufgrund der globalen Erwärmung aufzutauen und setzt große Mengen an Fäulnisgasen frei. Die Gase nähren ein gewaltiges Ozonloch, das sich schnell über der Nordhalbkugel ausbreitet. Es ist zu befürchten, dass in Kanada und Nord-Europa bald ähnliche Lebensbedingungen herrschen werden, wie im völlig verdorrten und entvölkerten Australien.
Die Menschheit reagiert und verlagert immer mehr Städte auf den Meeresboden um sich vor der harten, ultravioletten Sonneneinstrahlung zu schützen.
Die tropischen Regionen, speziell die wenigen, verbleibenden Regenwälder, werden unter strengen Naturschutz gestellt.
Die letzten fossilen Rohstoffe sind erschöpft und ein großer Teil der Menschheit hängt nun von alternativen Energien ab. Erdöl ist bereits unerschwinglich teuer geworden.
Mit Agua-City, im Mittelmehr nahe der ehemals griechischen Insel Kreta gelegen, entsteht eine neue Unterwassermetropole, die mehr und mehr Menschen anzieht und sich bald zum Zentrum des Unionskanton Europa entwickelt.
Der Jahrhundertsturm Astaire verwüstet große Teile Mexikos, Kubas und Mittelamerikas. Die Bevölkerung flieht in speziell konstruierte Sturmbunker oder in die Unterwasserstädte an den nahen Küsten. Hagelschauer und starke Gewitter fegen über den zentralafrikanischen Kontinent und in der Antarktis gedeihen plötzlich UV-resistente Pflanzen aus der Urzeit, deren Samen vermutlich unter dem ewigen Eis konserviert worden waren. Die Wissenschaft befürchtet, dass unter dem antarktischen Festlandeis noch mehr Überraschungen verborgen sein könnten. Überraschungen, die viele Millionen Jahre im Eis eingeschlossen waren...
Einsatzbesprechung
Banoma, Necolett, Gonzales und Pi saßen Davis gegenüber und lauschten angespannt der Einsatzbesprechung.
„Sie haben alle den Bericht gelesen und die Filmdokumente eingesehen“, erklärte Davis. „Ich glaube nicht mehr an eine friedliche Verständigung mit dem Globuster und werde ihnen im Notfall befehlen müssen, mit Gewalt gegen das Wesen vorzugehen, sollte es unsere Aktion stören. Vergessen Sie bitte nicht, der Globuster hat bereits einen Menschen getötet. Wir dürfen nicht zögern im Notfall auch zu äußersten Mitteln zu greifen.“
Maya Ivanova hatte interessiert zugehört. „Sie wollen doch nicht etwa zum Märtyrer werden, Bill?“
Davis nickte entschlossen. „Falls das Biest zurück kommt und uns in Schwierigkeiten bringt, dann werde ich die Bomben von Hand zünden! Keinesfalls ziehen wir uns erneut zurück. Ich bin entschlossen dem Eindringling die Stirn zu bieten. Beim ersten Mal waren wir nicht vorbereitet, dieses Mal wissen wir, mit wem wir es zu tun haben und werden kämpfen.“
Maya Ivanova zeigte ein zufriedenes Lächeln. Offenbar stimmte sie mit Davis überein.
„Ich habe mir diesbezüglich bereits meine Gedanken gemacht“, streute die Kommandantin fast beiläufig ein.
Davis sah interessiert zu, wie Maya ein provisorisch zusammengebautes Gerät aus einer Kiste zauberte. „Was ist das? Eine Waffe?“
Maya sah sich triumphierend um. „Sie haben richtig geraten, Group Leader. Das ist ein neu entwickeltes Spezialgewehr, welches den Globuster das Fürchten lehren könnte. Ursprünglich handelte es sich um ein simples Gerät zum Einschießen von Verbindungsnieten, wie sie bei der Montage von Weltraumplattformen verwendet werden. Diese Nieten werden induktiv beschleunigt und erreichen so die nötige Kraft und Geschwindigkeit selbst dickste Stahlträger zu durchschlagen und zu verbinden.“
Lai Pi lachte humorlos auf. „Wollen Sie den Globuster etwa mit überdimensionalen Hohlnieten zu Leibe rücken?“
„Keinesfalls“, antwortete Maya mit einem leichten Anflug von Ärger in der Stimme.
„Mein Fertigungsspezialist hat die Nieten gegen Sprengkugeln ausgetauscht, die Ladevorrichtung modifiziert und das Gerät in eine neue Form gebracht, so das man es wie eine Waffe halten und abfeuern kann.“
Necolett blickte verwundert in die Runde. „Wozu der ganze Aufwand? Wir haben schwere automatische Waffen dabei, die sich gut im luftleeren Raum einsetzen lassen. Taucht der Globuster auf, dann lernt er uns kennen. Unsere schweren Kaliber sind erheblich wirkungsvoller als die kleine Handwaffe, die der Group Leader bei seiner ersten Begegnung mit dem Globuster einsetzte. Unsere Artillerie sollte ihre Wirkung diesmal nicht verfehlen.“
„Vielleicht haben Sie Recht”, antwortete Maya mit dunkler Stimme. „Vielleicht aber auch nicht. Ich gehe davon aus, dass konventionelle Waffen wenig Wirkung zeigen. Die Projektile sind zu schnell und werden vom Schutzfeld des Globusters abgelenkt oder absorbiert. Diese speziell konstruierte Globuster-Faust hingegen verschießt Sprengkapseln im niedrigen Geschwindigkeitsbereich. Man kann die Beschleunigung der Geschosse kalibrieren, indem man die Stärke des induktiven Feldes einstellt.“
Maya Ivanova deutete auf eine aufgeschweißte Laser-Zieloptik. „Hiermit kann man den Globuster ins Visier nehmen.“
Davis inspizierte interessiert das improvisierte grob wirkende Gerät. „Und das haben Sie während des Fluges zusammengebastelt?“
Die Kommandantin nickte. „Mein Bordtechniker ist sehr erfinderisch und kreativ. Außerdem haben wir haben ihren Expeditionsbericht sehr genau studiert. Sollte der Globuster wirklich auftauchen und angreifen, dann wird er eine Überraschung erleben!“
„Das klingt ja alles sehr innovativ, Kommandantin. Gibt es auch einen Haken an der Sache?“, wollte Banoma Tamo ruhig wissen.
Maya stellte ihre Globuster-Faust vorsichtig auf den Boden zurück. „In der Tat! Der Haken ist das Magazin. Damit die Waffe nicht zu schwer wird und ich sie gerade noch tragen kann, konnten wir nur fünf Schuss integrieren.“
„Nur fünf Schuss, das ist alles? Mehr hat dieser Prototyp nicht zu bieten?“, fragte Gonzales ungläubig.
„Ich bin sicher, dass ein Schuss genügen wird, um den Globuster nachhaltig zu beeindrucken. Da man dem Eindringling Intelligenz nachsagt, gehe ich davon aus, dass er aus seinen Erfahrungen lernt und entsprechende Schlüsse zieht. Momentan fühlt er sich hinter seinem Schutzfeld sicher und erwartet bestimmt nicht, dass wir ihm so schnell mit einem neuen Kampfmittel begegnen.“
„In Ordnung“, unterbrach Davis die Diskussion. „Die Pentagon ist bereits auf dem Weg und wir werden in etwa zwei Stunden mit den Hawks starten. Die Fusionsbomben sind umgeladen. Sie werden bitte die Sprengköpfe und Zündautomatik vor dem Abflug einer letzten Überprüfung unterziehen. Machen Sie sich mit den Bomben vertraut.“
Der Group Leader hatte Necolett direkt angesprochen, der prompt bestätigte.
„Soweit ist dann alles gesagt. Die Bomben lassen sich synchron zünden. Wenn dies geschieht, dann möchte ich möglichst weit weg sein. Die Explosion wird den halben Planetoiden auseinander reißen!”
„Wir haben nur wenig Zeit, uns vor Ort noch einmal umzusehen. Lai Pi, ich hoffe Sie können diese Zeitspanne nutzen, um der Globustertechnik einige Geheimnisse zu entlocken, bevor der ganze Komplex atomisiert wird“, erklärte Davis.
Lai Pi wirkte nachdenklich. „Ich habe mir ihren Bericht ebenfalls durchgelesen und bin auf die Anlage gespannt. Offenbar müssen wir bei den Globustern in anderen Kategorien denken. Die Technik dieser Wesen ist so fremdartig wie die Globuster selbst.“
„Eines noch“, schloss Maya Ivanova die Besprechung ab. „Einer von uns sollte bei den Hawks zurückbleiben, um im Notfall wenigstens eine Maschine in Sicherheit zu bringen. Außerdem muss der Nahbereichsradar im Auge behalten werden. Falls das fremde Raumschiff zurückkehrt, sollte das Einsatzteam sofort gewarnt werden. Der Rest der Gruppe wird für den Transport und die Sicherung der Bomben benötigt. Da Davis und ich beim Bombenteam sein werden, müssen Sie den Job übernehmen, Anna. Sie können doch eine Hawk fliegen und sind ausgebildete Pilotin?“
Anna Gonzales nickte. „Ja, das ist richtig. Ich bin einverstanden und werde den Radarstand besetzen. Verlassen Sie sich auf mich!“
Maya bekam ein kurzes Rufzeichen aus der Kommandozentrale und forderte die Spezialisten auf, sich nun vorzubereiten. Die Pentagon würde nach dem Absetzen der Hawks in diesem Raumsektor kreuzen und zurückbleiben. Im Notfall und beim Scheitern der Mission konnte der Kreuzer aber keine Hilfe leisten und musste dann schnellstens nach Triton zurückkehren, um bei der Notevakuierung zu helfen.
Es darf einfach nichts schief gehen, dachte Maya Ivanova nur.
Zeitgeschichte, 2073
Die erste Siedlung auf dem Mars ist entstanden. Bodenschätze sowie günstige Lebensbedingungen locken viele Abenteurer, private Firmen und Siedler an.
Auf der Erde wird der so genannte Unionspass eingeführt. Die Kantone, noch immer für ihre Angelegenheit souverän zuständig, ordnen sich in den Bereichen Wirtschaft, Technik, Forschung und Nahrungswirtschaft der UNO unter. Durch das hinzukommen staatenloser Siedlungen auf Mars und Mond, wird das Gebilde der Solaren Union gegründet. Der Reiseverkehr wird schrankenlos und der noch einzig existierende Wirtschaftsraum wird auf alle Einflussgebiete der Menschheit ausgeweitet.
Als einheitliche Währung wird der "Solare Credit" eingeführt. Eine permanente Shuttleverbindung zwischen dem Mond, der Erde und dem Mars regelt den Verkehr zwischen der alten Welt und den neuen Kolonien.
Die Unterwasserstädte in den Ozeanen wachsen rapide und die Schutzmaßnahmen für die geschundene Natur zeigen erste Erfolge.
Unter dem ewigen Eis der Antarktis, das mehr und mehr schwindet, werden große Vorkommen an Erdöl entdeckt. Die Menschheit verzichtet allerdings auf die Ausbeutung dieser Ressourcen und hat sich bereits vollständig auf andere Formen der Energiegewinnung umgestellt.
Erschreckende Entdeckung
Donald Day, David Morgenstern und die Wissenschaftler des IRS musterten schweigend die holografische Karte des Sonnensystems. Das vor ihnen schwebende Schema zeigte rund eintausend kleine und größere Objekte des Kuiper-Gürtels mitsamt den zugehörigen Bahndaten an.
„Reduzieren Sie die Projektion nun bitte auf Objekte, die größer als einhundert Meter sind“, ordnete der Kommandant an.
Sofort wurde das verwirrende Netz von Bahnlinien überschaubarer.
„Jetzt markieren Sie noch alle Objekte, die von unseren Funksonden als potentielle Globusternester erkannt wurden!“
Rund einhundert Objekte leuchteten plötzlich rot auf und ein Raunen ging durch das Team der Wissenschaftler.
„Wir wissen nicht, ob das bereits alle sind“, ergänzte Morgenstern. „Aber um ehrlich zu sein, für meinen Geschmack reicht das bereits.“
Donald Day schien nicht mit einem so eindeutigen Ergebnis gerechnet zu haben und bewahrte mühsam seine Fassung. „Sie sagen mir also, da draußen gibt es etwas mehr als einhundert potentielle Stützpunkte der Globuster?“
Morgenstern zog unbehaglich die Schultern an. „Zumindest haben die Funksonden gerichtete Signale aufgespürt, die genau auf der Globusterfrequenz liegen und die charakteristischen Muster aufzeigen. Ob tatsächlich auf jedem dieser Himmelskörper ein oder mehrere Globuster zu finden sind, können wir nicht mit absoluter Sicherheit sagen.“
„Aber auf einigen glauben wir schon“, merkte ein Wissenschaftler des IRS an. „Der Kontakt zu einigen Sonden ist kurz nach dem ersten Signal abgebrochen. Vermutlich wurden sie vom Feind abgeschossen.“
„Natürlich“, knurrte der Kommandant wütend. „Sie brauchen sich jetzt nicht mehr zu verstecken und wissen bereits, dass wir im Bilde sind.“
„Ihr Kommunikationsnetz muss sehr schnell und effektiv arbeiten“, vermutete Morgenstern
„Sie hatten bereits mehrere Tage Zeit, David. Dass hätte sogar uns genügt. Außerdem vermute ich, dass unser Gegner von Quaoar, seinen Rückzug auch dafür verwendet hat um bei seinen Leuten Alarm zu schlagen.“
Donald Day betrachtete die Bahndaten der Kuiper-Objekte mit zusammengekniffenen Augen und bat dann die Techniker um eine Modifikation der Anzeige.
„Ist es möglich, die holografische Karte so zu modifizieren, dass jede Globusterkoordinate deutlicher hervorgehoben und einem Raumkubus, sagen wir der Einfachheit halber, von einer Lichtminute, zugeordnet wird?“
„Ist Ihnen etwas Besonderes aufgefallen, Kommandant?“, fragte Morgenstern interessiert.
„Warten Sie einen Augenblick bitte, da kommt schon die Projektion!“
Die Wissenschaftler sahen sich verwirrt an. Das hatten sie nicht erwartet. Donald Day schloss kurz die Augen. „Ich wusste es! Simulieren sie bitte die Bewegungen der Kuiper-Objekte auf ihren Bahnen um die Sonne! Behalten sie dabei die räumliche Erweiterung der Koordinaten bei.“
„Das gibt es nicht!“, flüsterte Morgenstern erschrocken.
„Wir sind zu jeder Zeit, egal auf welcher Position sich die Objekte gerade befinden, lückenlos eingeschlossen! Die Kugelschale der Objekte zeigt niemals eine Lücke!“
„Ja, so ist es“, murmelte der Kommandant. „Zu jeder Zeit wird unser Sonnensystem in alle Richtungen räumlich abgedeckt und umschlossen. Sieht fast so aus, als ob wir bisher in einem Käfig gelebt haben. Prüfen Sie das sofort mit dem Großrechner der Basis nach! Das kann unmöglich Zufall sein!“
Anflug auf Quaoar
Die beiden Hawks rasten mit Höchstgeschwindigkeit auf Quaoar zu und hatten die Pentagon bereits weit hinter sich gelassen. Maya Ivanova hatte die zweite Maschine übernommen und Davis bereits mehrmals über Funk aufgefordert, die Formation zu halten.
Sie fliegt, als ob der Teufel hinter ihrer Seele her wäre, dachte Davis flüchtig.
Als Group Leader der Triton Basis hatte er oftmals schwierige Manöver geflogen, aber die Maschinen noch niemals so stark beansprucht, wie bei diesem Einsatz. Und nicht nur die Maschinen, folgerte Davis weiter, als er das Stöhnen der beiden Spezialisten aus seinem Bordfunk hörte.
Ein Auge immer auf dem Sektoren-Radar, flogen die beiden Hawks genau auf das Ziel zu. Quaoar hatte sich bereits weit von seiner ursprünglichen Bahn entfernt. Die aktuelle Position, war alles andere als Normal.
„Keine außergewöhnlichen Vorkommnisse, bis auf diesen großen Planetoid auf dem Radar, der dort eigentlich nicht sein dürfte“, kommentierte die Kommandantin nur.
„Meine Anzeigen sind ebenfalls negativ“, bestätigte Davis. „Zumindest was Schiffe der Globuster betrifft.“
„Wir fliegen das Zielgebiet direkt an und gehen so nahe wie möglich vor dem Eingang der Globusterhöhle runter.“
„Einverstanden“, meldete Maya zurück. „Noch haben wir Verbindung zur Pentagon, aber wenn wir in den Einflussbereich des mysteriösen Funkschildes kommen, dann haben Sie hoffentlich die Spezialfrequenz parat.“
Davis schmunzelte. „Sie meinen die Globusterfrequenz, die einzige Modulation, die nach allem was wir wissen, den Funkschild durchdringen kann.“
„So ist es!“, bestätigte die Kommandantin kampflustig. „Sie werden sehen, damit funktioniert die Kommunikation. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings.“
„Und der wäre?“, fragte Davis, während er versuchte der Kommandantin mit seiner Hawk zu folgen.
„Das ist Ihnen nicht klar, Davis? Wir überlagern mit unseren Signalen die Kommunikation der Globuster. Das wird den Biestern sicherlich nicht gefallen.“
Natürlich, dachte Davis nur und atmete heftig durch.
Geheimnisvolle Matrix
Natürlich war das kein Zufall! So ein komplexes Muster kann nicht zufällig entstehen!
Soeben hatte Donald Day die Bestätigung seiner Wissenschaftsabteilung erhalten. Die Bahnen der Kuiper-Objekte wirkten nur auf den ersten Blick chaotisch und willkürlich. Tatsächlich gab es aber ein spezielles Muster, nach dem sich alle Objekte um die Sonne bewegten.
„Ich glaube das einfach nicht! Das widerspricht jeglicher Vernunft!“, hatte Morgenstern kapituliert.
„Nein, tut es nicht. Im Gegenteil“, behauptete Der Kommandant bestimmt.
„Alle Objekte und Bahndaten scheinen genau aufeinander abgestimmt zu sein. Die Globuster besitzen die Technik ganze Planetoiden zu verschieben, soviel wissen wir bereits. Sie haben sich die Mühe gemacht, mehr als hundert Objekte derart in Position zu bringen, dass zu jeder Zeit eine Art kugelförmige Hülle unser Sonnensystem umgibt. Diese Hülle zeigt auch dann keine Lücken, wenn sich die Objekte auf ihren Bahnen weiter um die Sonne bewegen. Das ist die Erkenntnis des Tages meine Herren! Denn es bedeutet, dass die Globuster bereits seit sehr langer Zeit in unserem Sonnensystem hausen. Solch ein Projekt kann niemand, auch keine außerirdische Macht, in nur wenigen Jahren vollbringen!“
Die Wissenschaftler des IRS schwiegen dazu. Der Schock saß tief. Die neuen Daten zeigten erneut, wie wenig die Menschen über ihre nahe, kosmische Umgebung wussten und vor allem, wie beschränkt die eigenen Möglichkeiten waren.
„Wie lange?“, fragte Karl Jörgmundson heiser.
Donald Day schüttelte leicht den Kopf. „Keine Ahnung Karl. Vielleicht tausend Jahre, vielleicht hunderttausend. Mir wird langsam bewusst, was wir hier aufgedeckt haben! Wir haben es nicht, wie anfänglich befürchtet, mit einer kurzfristigen Aktion einer außerirdischen Macht zu tun. Es sieht vielmehr nach einem Langzeitplan aus. So viele Himmelskörper und ihre Umlaufbahnen so genau aufeinander abzustimmen, ist ein hochkomplexes Unterfangen. Dazu benötigt man viel Zeit. Wer weiß, vielleicht haben wir die Ursache für die in vielen Meldungen und Geschichten verankerten Legenden über die so genannten UFOs gefunden. Durchaus möglich, dass uns die Globuster schon seit sehr langer Zeit beobachten und die Kuiper-Objekte bereits in Position brachten, als auf der Erde noch die letzte Eiszeit herrschte.“
Morgenstern fühlte sich plötzlich schlecht. Eine eiskalte Hand schien nach seiner Seele zu greifen und bereitete ihm Gänsehaut.
„Wenn die Globuster wirklich so lange in unserem Sonnensystem präsent sind und uns belauern…”, flüsterte der Offizier mit zitternder Stimme. „Dann wissen sie alles über uns und wir haben keine Chance.“
Zeitgeschichte, 2079
Ein zunächst unerklärliches Großsterben der grünen Meeresalgen setzt ein. Wie sich später herausstellt, eine Folge der zunehmenden Meeresverschmutzung, durch die schnell wachsenden Unterwasserstädte der Menschen. Da diese Algen mit rund 60 Prozent ihrer Sauerstoffproduktion zur Atmosphäre beitragen erlässt die UNO ein radikales, restriktives und sofort wirksames Umweltschutzprogramm, welches jedwede Verschmutzung der natürlichen Lebensbereiche der Erde verbietet.
Moderne Energiezellen, die auf kalter Fusion basieren, bilden fortan die Energiequelle der Menschen. Die Schwerindustrie wird in den Erdorbit verlagert, Erze und Mineralien zunehmend auf den Monden und Asteroiden des Sonnensystems abgebaut.
Erste Stationen im Jupiter- und Saturn-System werden gegründet. Große Orbitalhäfen verbinden die Siedlungen und Basen der Menschen im Sonnensystem.
Durch unterirdische Sprengungen, nahe dem pazifischen Graben, kommt es zu einer Stoßwelle, die bisher nicht beachtete Spannungen der pazifischen Kontinentalplatte löst. Die Folge ist ein schweres Erdbeben, mit Epizentrum vor der kalifornischen Küste. Das fast vollständig verlassene San Francisco wird dabei durch ein starkes Erdbeben zerstört und anschließend von einer zehn Meter hohen Flutwelle überrollt. Das zehn Jahre zuvor gegründete San Aquisto, direkt auf dem Meeresboden vor der Küste Kaliforniens gelegen, kommt mit leichten Schäden und dem Schrecken davon.
Die Marssiedlung erhält einen ständigen Zulauf an neuen Siedlern. Olympus-City, im Schatten des größten Vulkans des Sonnensystems erbaut, erhält den Status der ersten Millionenstadt außerhalb der Erde.
Die Stadt Lunatown wird gegründet und dient fortan als Drehscheibe und Warenumschlagplatz zwischen Mars und der Erde.
Die Rückkehr
Quaoar! Ein eiskalter und felsiger Planetoid. Der letzte Ort in diesem Universum, an dem man erwartet, auf Leben zu treffen. Und dennoch gibt es welches, fremdartiger als ich es mir je zuvor vorgestellt habe…
Alles in Davis wollte sich verkrampfen. Ohne dagegen ankämpfen zu können, erhöhte sich sein Puls. Die Erinnerungen an den Zwischenfall kehrten zurück und machten ihm zu schaffen.
Tatsächlich riss kurz darauf das Peilsignal der Pentagon ab. Der Funkkontakt wurde unterbrochen, genau wie beim ersten Anflug.
Der Funkschild ist noch immer aktiv, bis zum bitteren Ende, dachte Davis.
Zweifellos würden mit der Kollision nicht nur die Triton-Basis sondern auch sämtliche technischen Anlagen des Planetoiden restlos vernichtet werden.
„Ich schalte auf die Globusterfrequenz um!“, meldete Maya über Funk.
Davis bestätigte und folgte dem Beispiel der Kommandantin. Sofort erschien die Kennung der Pentagon wieder auf dem Schirm.
„Es funktioniert!“, jubelte die Kommandantin.
Gleichzeitig drangen zirpende und klopfende Geräusche aus dem Empfänger und ließen Davis schmerzvoll das Gesicht verziehen.
„Was ist das? Sind das die Funksignale des Feindes?“
„Sieht fast so aus“, antwortete Maya knapp. „Schalten Sie den Filter dazwischen oder wechseln Sie die Modulation, dann wird unser eigenes Signal klarer und nicht mehr gestört. Wie es aussieht, funkt sich die Globusterstation die Seele aus dem Leib!“
„Ist das ein Hilferuf? Sie meldet vielleicht den anderen Globustern gerade, dass wir angekommen sind“, mutmaßte Davis.
Die beiden Maschinen erreichten den Orbit von Quaoar und wechselten die Positionen. Von jetzt an übernahm Davis die Führung und leitete Maya zur Oberfläche hinunter. Davis verzichtete dabei auf die üblichen Anflugprozeduren. Die Zeit drängte und jede Stunde die eingespart wurde, half der Besatzung der Triton Basis. Der immense Energieverbrauch eines solches Flugmanövers war angesichts der drohenden Gefahr nebensächlich. Zuletzt schwebten die Maschinen über die Oberfläche dahin und überflogen einen großen Schmelzkrater.
„Hier stand meine Hawk, bevor sie von dem Globuster gesprengt wurde“, erklärte Davis.
„Das wird uns diesmal nicht passieren!“, erwiderte Maya kämpferisch, die sich mit ihrer Maschine seitlich hinter Davis befand. „Der Raumsektor um Quaoar scheint frei zu sein. Keine Anzeichen von dem Globusterschiff.“
„Woher wissen wir eigentlich, dass der Globuster nicht bereits zurückgekehrt ist und in der Höhle auf uns wartet?“, fragte Necolett besorgt.
Davis bemühte sich, die Hawk nicht direkt über die planetare Triebwerksöffnung zu steuern und umflog das Gebilde in gebührendem Abstand.
„Wir wissen es nicht, Robert. Sehen Sie auf den Monitor der Außenübertragung. Dort unten ist eine der berüchtigten Trichter. Der Auslass ist noch heiß! Die Infrarottaster ermitteln eine Temperatur von über 500 Kelvin!“, meldete der Group Leader.
„Die Antriebsdüse muss eine enorme Schubkraft aufbieten um diesen Himmelskörper aus seiner Bahn zu zwingen. Im Zentrum des Planetoiden wird sich so etwas wie ein Treibstoff- oder Energiespeicher befinden, der den Antrieb versorgt“, antwortete Maya mit vibrierender Stimme. Sie war sichtlich erregt.
Kein Wunder, dachte Davis. Sie sieht die Anlage zum ersten Mal mit eigenen Augen.
„Da vorn, am Rand der kleinen Ebene, muss der Eingang zur Globusterhöhle liegen, der schräg in den Fels führt. Wir gehen runter und nutzen jede mögliche Deckung für die Hawks. Spezialistin Gonzales! Sie bleiben in der Maschine und behalten die Raumüberwachung im Auge. Im Notfall starten Sie die Hawk ohne zu zögern und bringen die Maschine in Sicherheit!”
Die Spezialistin bestätigte und machte sich bereit. Davis landete die Hawk in einer leichten Mulde, die wohl vor vielen Jahren durch ein Meteoriteneinschlag geformt worden war. Nicht weit entfernt setzte Maya ihre Maschine auf.
„Es wird ernst!“, sagte Davis nur. „Machen wir uns zum Ausstieg bereit.“
Zwei Gigatonnen Sprengkraft
Sie hatten ihre neuen Spezialanzüge angelegt und den kleinen Lastentraktor über die hydraulische Hebebühne zur Oberfläche befördert. Beide Teams setzten sich fast zeitgleich in Bewegung und strebten auf den Eingang der Globusterhöhle zu. Maya ging ihrem Team voran und hielt ihre Globuster-Faust nach vorn gerichtet, während Lai Pi und Tamo das kleine Kettenfahrzeug steuerten, auf dem fünf Sprengköpfe gelagert waren. Davis und Necolett steuerten den zweiten Traktor Richtung Globusterhöhle, deren Eingang noch immer mit dem rot leuchtenden Energiefeld abgeschirmt war.
Da sind wir wieder, dachte Davis unbehaglich.
Der Group Leader begutachtete zum wiederholten Mal die fünf Sprengköpfe, die fest montiert auf der Ladefläche des kleinen Traktors aufgereiht waren. Jede der Bomben hatte eine Sprengkraft von 200 Millionen Tonnen TNT.
Insgesamt zwei Gigatonnen Sprengkraft, dachte Davis bedrückt. Ein beängstigendes Vernichtungspotential, das wir hier über die Oberfläche des kargen Planetoiden steuern.
Necolett ließ die Sprengköpfe keine Sekunde aus den Augen.
Etwa fünfzig Meter vor dem tunnelförmigen Eingang trafen beide Gruppen aufeinander und stoppten ihren Vormarsch.
Lai Pi richtete ein handliches Messgerät in Richtung des Eingangs und las ratlos die Anzeigen ab.
„Das unbekannte Energiefeld emittiert eine ganze Reihe von Strahlungskomponenten. Nur leider ist mir die Struktur des Feldes, wie es aufgebaut und stabilisiert wird, völlig unbekannt.“
„Warum habe ich nur so etwas erwartet?“, fragte Maya scherzhaft. Die Kommandantin war von dem Energiefeld fasziniert. „Scheint tatsächlich ein Energievorhang zu sein. Unglaublich. So etwas habe ich noch niemals gesehen.“
„Ich kann nur raten, da nicht einfach hindurch zu laufen“, empfahl Lai Pi.
„Geschenkt“, antwortete Davis. „So wie es jetzt erscheint, würde es uns umbringen! Im Normalzustand wirkt das Feld wie eine energetische Schleuse. Es verhindert, dass die Atmosphäre aus dem Innern der Globusterhöhle in den Weltraum entweichen kann. Wir konnten das Feld passieren und spürten nur einen leichten Widerstand. In diesem Zustand war es kaum zu sehen. Im jetzigen, rot leuchtenden Verschlusszustand, würde uns der Energievorhang grillen. Meine Partnerin und ich schafften es in letzter Sekunde die Höhle zu verlassen, bevor die Falle endgültig zuschnappte.“
Maya gab Lai Pi ein Zeichen ihr zur Hand zu gehen. Zusammen hoben sie eine Kiste vom Traktor und öffneten die Verriegelungen. Die Kommandantin hatte den schweren Behälter einfach auf die Sprengköpfe gestellt und erntete dafür ein Kopfschütteln von Necolett.
„Wenn wir es nicht durchdringen können, dann werden wir es eben umgehen! Lai Pi, was meinen Sie? Etwa zwanzig Meter neben dem Tunnel?“
Der Spezialist rechnete kurz durch. „Das müsste ausreichen!“
Zum Vorschein kam ein zirka vierzig Zentimeter durchmessender, silberner Zylinder mit kegelförmigem Aufsatz. Insgesamt war der Körper fast einen Meter lang.
„Was ist das?“, fragte Davis gespannt. „Noch eine Bombe?“
„Das ist ein Fusionsbohrkopf, wie man ihn im Bergbau verwendet“, erklärte die Kommandantin. „Manchmal werden diese Bohrköpfe eingesetzt, um in kurzer Zeit einen Rettungstunnel in den Fels zu treiben. Wir werden damit ein Loch in den Fels schmelzen und einen zweiten Eingang schaffen! Hieß es nicht, wir sollen nicht zimperlich sein, Bill?“
Der Group Leader sah Mayas Gesicht unter dem verspiegelten Helm nicht, aber er konnte sich ihren Gesichtsausdruck vorstellen.
„Aha, das meinten Sie also mit umgehen. In Ordnung! Lassen Sie uns keine Zeit verlieren.“
Zeitgeschichte, 2086
Zur großen Erleichterung der Wissenschaftler wird erstmals vermerkt, dass die Ausbreitung der Ozonlöcher an den Polregionen nicht weiter fortschreitet. Für Australien ist es jedoch bereits zu spät. Der Kontinent ist zu einer Wüste und unbewohnbar geworden. Große Teile Nordeuropas sind unbesiedelt. Das frühere Skandinavien, ehemals berühmt für seine Wälder, ist nur noch Brachland. In Südeuropa hat sich subtropisches Klima ausgebreitet und die ehemalige Sahara beginnt an vielen Stellen zu ergrünen.
Große Unterwasserstädte sind entstanden, die größte von ihnen im Pazifischen Ozean, nahe den Osterinseln.
Lunatown, die große Mondmetropole, erlebt einen blühenden Aufschwung und beliefert die Menschheit mit Nahrung und Getreide. Die radikalen Maßnahmen zum Erhalt der Erde scheinen endlich zu greifen. Die Menschen können angesichts der bereits angerichteten Schäden nur hoffen, dass es gelingt, die noch immer extremen klimatischen Verhältnisse über die Zeit zu lindern.
Felsschmelze
Sie hatten sich vom Eingang zurückgezogen, hinter den Traktoren in Deckung begeben und den Fusionsbohrkopf aktiviert. Selbst durch den Blendschutz der Helme war das lodernde Leuchten der Ladung fast unerträglich und man musste den Blick abwenden. Der Bohrkopf fraß sich mit Urgewalt in das Gestein und schmolz mit seiner punktgenau freigesetzten Energie den Fels wie Butter. Die Fusionsladung entwickelte ungeheure Temperaturen und verdampfte das Material in Sekunden. Zurück blieb ein künstlicher Tunnel, dessen Wände aus glasiertem Gestein bestanden.
Bereits nach wenigen Sekunden wurde der neue, kreisrunde und glühenden Tunnel erkennbar.
„Sollen wir da wirklich einsteigen? Die Wände sind noch flüssig und glühen!“, bemerkte der Massai unbehaglich.
„Der Schmelztunnel wird sich sehr langsam abkühlen und wir müssen uns vorsehen. Mit unserer Schutzkleidung können wir in wenigen Minuten einsteigen“, erwiderte Lai Pi sofort und sah zum grell leuchtenden Bohrkopf hinüber, der längst tief im Fels verschwunden war.
Dann erfolgte eine explosionsartige Verpuffung. Gas, das sich sofort zu Eiskristallen verwandelte, schoss aus der neu erzeugten Seitenöffnung.
„Der Bohrkopf hat den Tunnel erreicht und ist durchgebrochen! Die innere Atmosphäre scheint schlagartig entwichen zu sein!“, stellte Maya fest.
Erst als das grelle Leuchten vollkommen erloschen war, wagte sich das Team aus der Deckung und schritt langsam auf die neu geschaffene Öffnung zu. Der Seitentunnel durchmaß etwa zwei Meter, gerade groß genug für die Traktoren.
Davis aktivierte seinen Helmfunk und rief die Hawk. „Anna, ist so weit alles in Ordnung bei ihnen?“
Die Antwort erfolgte prompt. „Machen Sie sich keine Sorgen, Group Leader. Es gibt nichts Ungewöhnliches zu vermerken.“
„Wir steigen jetzt ein, Anna. Behalten Sie den Radartaster im Auge und denken Sie daran, was wir besprochen haben.“
Maya hob ihre Globuster-Faust an und schritt gebeugt in den engen Tunnel hinein.
„Folgen Sie mir jetzt mit den Bomben“, ordnete die Kommandantin entschlossen an. „Machen wir dem Spuk ein Ende!“
Dicht vor Davis, Tamo, Necolett, Lai Pi und den beiden ferngesteuerten Traktoren, schritt die Kommandantin langsam voran.
Der künstliche Zugang war stellenweise glasiert und das Team musste sich achtsam vorarbeiten. Selbst die kleinen Traktoren gerieten kurzzeitig ins Rutschen weil ihre Ketten keinen Halt mehr fanden.
Schon nach kurzer Strecke wurde es so dunkel, das Maya Anweisung gab, die Helmlampen einzuschalten. Nach zirka dreißig Meter erreichte das Team jene die Stelle, an der sich der Fusionskopf in den Zugangstunnel zur Globusterhöhle gefressen hatte.
Maya richtete zuerst die Globuster-Faust in den Tunnel hinein, dann stieg sie vorsichtig ein.
„Das Material, welches diesen Tunnel auskleidet, hat eine ganz andere Konsistenz. Spüren Sie das, Lai Pi? Der Boden und die Wände fühlen sich seltsam an.“
„Seien Sie bitte vorsichtig, Maya!“, riet Davis ernst.
„Diese Wände führen energetisches Potential. Bei unserem ersten Besuch erhielt ein Expeditionsmitglied eine Art Stromschlag.“
Lai Pi begutachtete fasziniert die Struktur der Wände. „Ich könnte mich irren, aber das sieht fast aus wie die Umsetzung organischer Technik. Was Sie in ihrem Bericht als fraktales Muster bezeichnet haben, sieht für mich aus wie eine gewachsene Struktur. Auf keinen Fall haben wir es mit simplem Metall oder einen Verbundstoff zu tun, wie wir ihn für die Auskleidung eines solchen Tunnels heranziehen würden. Setzen Sie bitte ihre Infrarotsichtgeräte ein und Sie werden verstehen, was ich damit meine.“
Maya Ivanova atmete heftig. Durch das Infrarotsichtgerät betrachtet, wirkte der gewaltsam herbeigeführte Zugang, wie eine Wunde im Material des Globustertunnels.
Um den gewaltsam geschaffenen Durchbruch war starkes Pulsieren und Leuchten zu erkennen. Lichtbahnen flossen vom Ende des Tunnels herauf, vereinigten sich und mündeten in die grell leuchtenden Ränder der Verbindungsstelle.
„Das sieht faszinierend aus!“, gestand Lai Pi und trat näher an den ausgefransten Rand heran.
„Lai Pi! Warten Sie!“, warnte Davis erneut, doch der Spezialist für Systemanalyse ging vorsichtig zu Werk. Er setzte ein Messgerät an und berührte die verwundete Struktur nicht.
„Diese Energieströme stellen ein uns unbekanntes Potential dar, welches zur Bruchstelle fließt und sich dann zu dieser dunklen Materie manifestiert. Das ist ein Reparaturmechanismus!”, rief Lai Pi plötzlich aus. „Der Tunnel beginnt den Durchbruch langsam wieder zu schließen!“
Davis war alarmiert. „Los! Vorwärts! Das ändert die Lage. Wir müssen schneller als geplant vorgehen. Wenn sich der Tunnel wieder schließt, bevor wir die Bomben platziert haben, dann kommen wir hier nicht mehr raus!“
Maya stürmte voran, dicht gefolgt von den anderen Mitgliedern des Teams.
Ungleicher Kampf
Anna Gonzales handelte exakt nach ihrer Anweisung und hatte die Triebwerke der Hawk in den Bereitschafts-Modus gefahren. Die Radarüberwachung war aktiviert und beobachtete den nahen Raumsektor mit höchster Anspannung.
Vor einigen Minuten, so glaubte Anna, hatte sich der Rhythmus der Globustersignale verändert. Die stakkatoartigen Signale lagen in einem eng begrenzten Frequenzband und wiederholten sich offenbar in kurzen Abständen.
Intuitiv hatte sie das Gefühl, es könnte sich um ein Alarmsignal handeln und aktivierte kurz entschlossen die Sprechverbindung zum Außenteam. Doch anstelle des üblichen Rufzeichens kam nur monotones Rauschen aus dem Empfänger.
„Maya, können Sie mich hören? Davis?“, rief Anna unsicher, doch es erfolgte keine Antwort. Die Funkverbindung war gestört. Möglich, dass die Globusterhöhle wie ein Faradayscher Käfig wirkte. Auch ein zweiter und dritter Versuch führte zu keinem Kontakt.
Die Spezialistin blieb ruhig und war sich sicher, dass die Kommandantin oder der Group Leader den Ausfall der Kommunikation bereits bemerkt hatten.
Ein kurzes Signal ließ Anna erschrocken herumfahren. Es war der Melder des Radarleitstandes. Mit blassem Gesicht sah sie zu, wie sich ein leuchtender Punkt dem Zentrum des Schirms näherte.
So schnell sie konnte gab Anna Gonzales die erhaltenen Daten in die Auswertungseinheit des Bordcomputers ein und erhielt nach wenigen Sekunden Antwort.
Nichtidentifizierter Kontakt, kontrollierte Flugbahn mit Verzögerung – kein Meteorit, metallartige Hülle mit hoher Absorption. Voraussichtliches Eintreffen über Quaoar in vier Minuten!
„Oh nein!“, flüsterte die Spezialistin mit vibrierender Stimme. „Das Globusterschiff!“
Anna schlug auf den Notschalter der Triebwerkkontrolle, fuhr die Maschinen des Scout-Schiffes hoch und hastete zum Funkgerät zurück.
„Meldet Euch! Er kommt zurück!“, doch wie zuvor erfolgte keine Antwort.
Anna Gonzales dachte fieberhaft nach. Sie war für das Scout-Schiff verantwortlich, aber auch für die Rückendeckung des Einsatzteams! Wenn Sie jetzt einfach startete, dann konnte sie ihre Freunde nicht mehr warnen. Die Spezialistin war hin und her gerissen.
„Also gut!“, flüsterte sie. Entschlossen entfernte sie die Sperrvorrichtung des Hochenergielasers und fuhr das Steuerprogramm hoch. Du bist zwar kein Meteorit, aber ich kann dir mit dem Laser trotzdem eins auf den Pelz brennen!
Nach drei Minuten meldete der Laser Feuerbereitschaft und die Triebwerkkontrolle zeigte Grünwerte. Im selben Moment traf das Radarecho im Zentrum des Schirms ein und das Globusterschiff erschien über der nahen Hügelkette.
„Oh mein Gott!“, flüsterte die Spezialistin. „Es ist tatsächlich ein außerirdisches Raumschiff!“
Das Globusterschiff war nicht sehr groß, höchstens zwanzig Meter im Durchmesser. Die linsenförmige Basiszelle besaß zahlreiche antennenartige Auswüchse. Trotz seiner geringen Größe wirkte es bedrohlich und abstoßend.
Der fremde Flugapparat schwebte langsam näher und schien dabei keinen Wert auf Deckung zu legen. Die schwarze und zerklüftete Außenhülle, möglicherweise aus demselben Material gefertigt wie die in die Oberfläche des Planetoiden eingelassenen Triebwerksöffnungen, absorbierte jeden Lichtstrahl.
Er fühlt sich überlegen, dachte Anna betroffen.
Der Globuster hatte die beiden Hawks längst auf seinen Schirmen. Obwohl beide Maschinen in flachen Kratern gelandet waren, besaßen sie keinerlei Tarnung oder Schutz. Die Restwärme der Triebwerke war leicht zu orten.
Der Puls der Spezialistin raste. Soll ich starten oder abwarten?
Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, als sich ein blau leuchtender Energieball vom Globusterschiff löste und die näher stehende Hawk genau im Mittelteil des Rumpfes traf.
Anna hielt den Atem an und schloss in Erwartung einer heftigen Explosion die Augen. Doch nichts dergleichen geschah. Die Schiffshülle der Hawk begann zu leuchten, energetische Blitze spannten sich um die Maschine und entluden sich im Boden des Planetoiden. Dann verschwammen die Konturen des Kleinraumschiffes und schmolzen förmlich zusammen. Nach wenigen Sekunden war von der Hawk nur noch ein unförmiger Metallklumpen übrig.
Die Spezialistin schrie auf und schloss mit einer schnellen Bewegung den Raumhelm. Immer noch unsicher, ob das Bodenteam sie hörte oder nicht, sprach sie weiterhin alles was sie tat, in das integrierte Helm-Mikrofon: „Achtung! Wir werden angegriffen! Eine Hawk wurde vernichtet! Einsatzteam! Ich versuche mich mit der Maschine wie befohlen abzusetzen!“
Ohne weiter zu zögern hieb sie auf den Knopf der Notstartautomatik und die Hawk schoss nahezu aus dem Stand in die Höhe. Anna verlor bei der starken Beschleunigung fast die Besinnung und wurde von der Dämpfungsautomatik des Pilotensitzes nur leidlich aufgefangen.
Das Globusterschiff stand nun direkt vor ihr, keine dreihundert Meter entfernt und lag genau im Zielkreuz der Meteoritenabwehr.
Die Spezialistin zögerte keine Sekunde mehr. Nimm dass, du Scheusal!
Mit einem Daumendruck und leisen Schrei löste sie den Laser aus, der seine gesamte Energie in einem einzigen Impuls auf das fremde Schiff entlud. Der Strahl war im Vakuum nicht zu sehen, doch um das Globusterschiff begann im selben Augenblick ein blaues Flammenmeer zu lodern.
„Ja! Wie findest du das!“, rief Anna euphorisch aus. Mit verkrampften Händen hielt sie den Auslöser der Abschussvorrichtung gedrückt und erst nach einer Minute Dauerfeuer schaltete der überhitzte Projektor selbsttätig ab.
Das Flammenmeer um das Globusterschiff erlosch sofort und Anna konnte deutlich erkennen, dass die Hülle des fremden Schiffes unversehrt war.
„Nein!“ , rief Anna zornig und zog die Hawk im selben Moment hoch.
Der Laser, welcher normalerweise Eisenmeteoriten schmelzen ließ, hatte keinerlei Wirkung gezeigt.
„Achtung Landeteam, ich weiß nicht ob ihr mich hören könnt! Ich ziehe mich zurück, kann das Globusterschiff mit Bordmitteln nicht bekämpfen!“
Die Triebwerke der Hawk begannen zu flammen und das Schiff ruckte hart an. Keine Sekunde zu früh, denn kurz darauf löste sich erneut eine Energiekugel und strebte auf den ehemaligen Standort des Scout-Schiffes zu.
Die Spezialistin schrie entsetzt auf und ließ die Kontrollen für die Beschleunigung bis zum Anschlag einrasten. Die Hawk schoss mit Höchstwerten von Quaoars Oberfläche fort und Anna wurde sofort von den auftretenden Beharrungskräften bewusstlos. Erst einige Minuten später wurde der Antrieb vom Bordrechner automatisch gedrosselt. Für einen Moment schien der Globuster unentschlossen, ob er die Hawk verfolgen und zerstören sollte. Dann schwebte das fremde Raumschiff langsam auf die Oberfläche des Planetoiden hinunter.
Zeitgeschichte, 2090
Die Forschungsstationen auf den Monden der äußeren Planeten werden ausgebaut und die Triton Basis befindet sich in der letzten Ausbaustufe. Auf Triton entsteht das größte jemals von Menschen erbaute Radioteleskop. Es handelt sich um ein Verbundsystem aus tausenden Einzelspiegeln, die fortan ihren Dienst für das Neue SETI Projekt aufnehmen sollen.
Auf der Erde hat man sich mit den extremen klimatischen Bedingungen arrangiert. Wo es möglich ist, leben die Menschen noch auf der Erdoberfläche. Industrieanlagen wurden vollständig in den Erdorbit verlegt und viele neue Metropolen sind auf dem Meeresboden entstanden.
Die Solare Union ist gefestigt, die Menschen leben in Frieden, Arbeit und Brot und beginnen damit, ihren Teil an der geschädigten Natur wieder gut zu machen.
Emissionen jeder Art sind strengstens verboten. Abfallprodukte der menschlichen Zivilisation werden über spezielle Container direkt in der Sonne entsorgt. Fossile Brennstoffe, nur noch sehr limitiert vorhanden, werden nicht mehr für Verbrennungsprozesse genutzt. Hoch entwickelte Brennstoff-Fusionszellen treiben die Luft-, Wasser-, Land- und Raumfahrzeuge an.
Neue Systeme der Wettererkundung machen es nun möglich, die durch die Klimaänderung auftretenden Blitzstürme zuverlässig vorauszusagen und die Bevölkerung entsprechend zu informieren.
Der Stand der medizinischen Versorgung hat ein neues Niveau erreicht. Die meisten Krankheiten sind ausgerottet, selbst Vireninfektionen sind für die moderne Medizin kein Problem mehr.
Ein dichtes Verkehrsnetz an Unter- und Überwasserstraßen verbindet die neuen Siedlungen auf dem Meeresgrund und den Kontinenten. Zwischen den Orbitalhäfen und den planetaren Landeplattformen eilen kleine Zubringerschiffe hin und her. Ein Besuch der Mondkolonie ist für jeden Bürger der Solaren Union erschwinglich.
Die Menschheit ist noch einmal dem drohenden Untergang entronnen. Sie richtet ihr Augenmerk nun auf die Erforschung des Sonnensystems. Tief verankert in ihren Gesetzen und ihrer Kultur verbleibt jedoch die Erkenntnis, dass die Menschheit nur im Einklang mit der Natur überlebensfähig ist.

Issue 15 - The Agitator's Power
Issue 1 - Triton Base